„Ich wünsche mir nicht nur eine Physiotherapie”

HILDESHEIM. „Blicken Sie von dem Menschen auf der Behandlungsliege auf und entdecken Sie die vielfältigen Möglichkeiten Ihrer Profession”, rief Prof. Dr. Dave Nicholls per Videokonferenz das Auditorium beim 4. Forschungssymposium Physiotherapie an der HAWK auf. Der Neuseeländer gründete ein internationales Netzwerk, „Critical Phyisotherapy Network” und ist ein gefragter Keynote-Sprecher. „Ich wünsche mir nicht eine Physiotherapie, sondern eine Vielzahl”, so Nicholls zum abendlichen Auftakt des Symposiums in Hildesheim. Die Profession brauche eine dringende Weiterentwicklung von einem medizinischen Assistenzberuf hin zu einer eigenständigen Profession und Disziplin.

Der Einladung der HAWK und der Deutschen Gesellschaft für Physiotherapiewissenschaften (DGPTW) folgten mehr als 300 Teilnehmende aus Forschung, Praxis, Lehre und Studium, um sich in zwei Tagen intensiv in Workshops, Vorträgen und Diskussionen zum Beispiel mit empirischer klinischer Forschung, Theorieentwicklung, qualitativer Forschung, Versorgungsforschung, Implementationsforschung, Prognoseforschung und methodologischer Forschung auseinander zu setzen.

Das Grußwort übernahm HAWK-Prof. Dr. Bernhard Borgetto, Prodekan der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit, an der auch die Bachelorstudiengänge und der Masterstudiengang Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie verankert sind. Er betonte, dass die HAWK 2001 den ersten akademischen Bachelorabschluss für Therapieberufe an einer staatlichen deutschen Hochschule ins Leben rief.

„Das Berufsbild der Physiotherapie ist in Öffentlichkeit und Gesundheitsversorgung oft geprägt durch das Erbringen von Maßnahmen. Deshalb ist es dringend erforderlich, das Profil der Physiotherapie über die Weiterentwicklung eigenständiger Theorien, des Gegenstandes und der Methoden zu schärfen und so den einzigartigen Beitrag der Physiotherapie in der Gesundheitsversorgung und -forschung zu verdeutlichen”, so HAWK-Prof. Dr. Axel Schäfer, der als Symposiumspräsident für die Organisation und wissenschaftliche Ausrichtung des Forschungssymposiums verantwortlich war. „Das Ziel des Symposiums ist deshalb, die Wechselbeziehung von empirischer Forschung und Theorieentwicklung zu beleuchten, den Diskurs anzuregen und so neue Wege aufzuzeigen”, betonte Schäfer zum Auftakt.

„Was mich freut an der Veranstaltung in Hildesheim ist, dass die Deutsche Gesellschaft für Physiotherapie in einer sehr offenen Art jetzt eine Klammer bekommt: Was ist die Bedeutung für Theorieentwicklung bezogen auf die empirischen Arbeiten und andersherum, was bedeutet die Empirie vor dem Hintergrund einer theoretisch fundierten Perspektive – das ist hier eindrucksvoll sichtbar geworden”, lobt Prof. Dr. Heidi Höppner, Professorin für Physiotherapie von der Alice Salomon Hochschule in Berlin. Gemeinsam mit Prof. Dr. Robert Richter von der Hochschule Furtwangen leitete sie einen Workshop zu „Theoriebildung für eine wissenschaftlich fundierte, professionelle Praxis”.

Prof. Dr. Christian Kopkow aus dem Fachgebiet Therapiewissenschaften von der Brandenburgischen Technischen Universität gehört als Kassenwart zum Vorstand der DGPTW. Er freut sich über den großen Zuspruch der Veranstaltung im Vergleich zu den Vorjahren. „Es twittern viel mehr, es bringen sich viele ein – das ist sehr wichtig, damit die Physiotherapiewissenschaft wächst”, so Kopkow. Zusammen mit Prof. Dr. Sven Karstens von der Hochschule Trier bot er den Workshop „Versorgungsforschung – die Versorgung der Patienten weiterentwickeln” an.

„Ziele hier sind: Wissen weiterzugeben und damit auch jüngere Leute zu motivieren, zu forschen und dafür auch die richtigen Ressourcen einzuwerben”, so Prof. Dr. Christoff Zalpour von der Hochschule in Osnabrück, der gemeinsam mit HAWK-Prof. Dr. Axel Schäfer die wichtigsten Fakten zur „erfolgreichen Drittmittel-Einwerbung” in einem Workshop vermittelte, „auch das Netzwerken steht beim Forschungssymposium im Vordergrund und die aktuelle Bestimmung der ‚Hot Topics’ der Physiotherapie, die hier weitergetragen werden.” Die beiden Professoren gestalteten das Workshop-Format bewusst interaktiv, um die Fragen der Teilnehmenden zu dem Thema aufzugreifen. Sein Tipp: „Durchhalten!” Ein erfolgreicher Antrag habe meist viele Vorgänger, so Zalpour. Man solle die Kritik einholen und dann darauf aufbauen. Schäfer stellte heraus, dass besonderes Augenmerk auch auf der Passung von Finanzplan und der Arbeitspakete eines beantragten Projekts liegen sollte. „Gutachter sind darauf spezialisiert, Anträge auf das Verhältnis von Gegenleistung pro Fördereuro zu durchleuchten – das ist sicher eine der größten Herausforderungen im Antragsprozess”, so Schäfer. Seine Empfehlung: „Einfach versuchen! Es gibt keine 100 prozentige passende Ausschreibung!” Abschliessend bemerkt Zalpour: „Wir haben in der Physiotherapie viel erreicht, die Akademisierung ist nach wie vor jung, ich bin 2003 berufen worden – das war schon revolutionär- die Akademisierung hatten wir 20 Jahre schon voraus gedacht. Die Physiotherapie hat einen sehr hohen Wert mit akademischen Anteil, wenn man bedenkt, wie groß der Anteil ist, der in die Gesellschaft einfließt, um Probleme zu lösen.” Der Professor aus Osnabrück hielt auch den Vortrag „Neuromuskuloskelettale Probleme bei Performing Artist – ein Update aus der physiotherapeutischen Forschung”.

PR
Foto: HAWK

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