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Predigt zur Eröffnung des Godehardjahres im Mariendom zu Hildesheim

HILDESHEIM. „Lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens“, darum geht es dem heiligen Paulus in seinem Brief an die Römer. Genau darum geht es auch uns für das Godehardjahr, das wir mit diesem Festgottesdienst eröffnen.

„Lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens.“ Es geht uns um die grundlegende, innere Erneuerung unseres Bistums. Das Ziel des Godehardjahres könnten wir mit Paulus so formulieren:

Es geht um alles. Es geht um Gott. Es geht um die Frage: Gibt es einen Gott oder gibt es ihn nicht? Aber selbst diese Frage wäre noch zu billig, zu einfach. Es geht fundamental um die Frage:

Wenn es Gott gibt und ich an ihn glaube, was verändert dieser Glaube für mein Leben? Reißt es mich auch zu Boden, wie Paulus? Werde ich mit einer Wirklichkeit vertraut, mit Erfahrungen des Lebens, die ich vorher nicht gekannt hatte, die für mich eine umstürzende Wirkung haben?

Im Godehardjahr geht es uns im Bistum Hildesheim um eine innere Wandlung und Verwandlung in Christus. Das ist unser Anliegen, das war das Anliegen des heiligen Godehard, der vor tausend Jahren in Grone, vor den Toren von Göttingen, durch den Mainzer Erzbischof Aribo zum Bischof geweiht wurde.

Als Kaiser Heinrich II. seinen ihm vertrauten Benediktinerabt Godehard zum Bischof von Hildesheim einsetzen wollte, hatte dieser sich heftig dagegen gewehrt. Was soll ich als Bayer im Norden? Was soll ich überhaupt als Bischof? Lieber Abt in Bayern, als Bischof da oben, soll Godehard gesagt haben.

Dennoch hat er sich auf den Dienst für die Menschen hier im Norden eingelassen. Heute stehe ich auf seinen Schultern. Ganz wörtlich. Unter mir in der Krypta unseres Mariendoms zu Hildesheim steht der Schrein mit den Reliquien des heiligen Godehard.

Wie Paulus, so war auch Godehard in der Spur Jesu. Wie Paulus hatte Godehard begriffen, dass die Verkündigung des Evangeliums zuallererst eine innere Wandlung erfordert, eine Erneuerung des Denkens. Was heißt es heute für uns, wenn Paulus uns zuruft: „Lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens?“  Vor allem, was heißt dies vor dem Hintergrund der Erfahrungen des heiligen Godehard?

Als Antwort auf diese Frage wollen wir für das Godehardjahr drei Schwerpunkte setzen: jesuanisch, benediktinisch, menschlich.  

Kommen wir zum ersten Punkt, zur jesuanischen Erneuerung unseres Bistums. Jesuanisch unterwegs sein, ganz im Sinne Jesu, das heißt, in seiner Haltung leben, seinen Herzschlag spüren, Jesu Denken zu unserem Denken machen.

„Lass die Toten ihre Toten begraben“, sagt Jesus im Lukasevangelium. „Du aber verkünde das Reich Gottes. Du aber lass dich begeistern, sei ein Missionar, geh in die ganze Welt und verkünde die Frohe Botschaft!“

Das waren die großen Worte Jesu. Doch bevor er so unterwegs war, bevor er so zu den Menschen sprach, war er ein Hörender. Wenn es in der Tora, in den fünf Büchern Mose, eine Definition für den Menschen gibt, eine Formel, mit der der gläubige Jude, die gläubige Jüdin eine Antwort gibt auf die Frage: Was ist der Mensch?, dann könnte man sagen:

Der Mensch ist Hörerin, ist Hörer des Wortes. Dem Wesen nach ist der Mensch Hörerin und Hörer des Wortes Gottes. Genau deshalb finden sich im Herzen der jüdischen Schrift die Worte: Schema Jisrael…  „Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ (Dtn 6,4)

Daher es überrascht nicht, wenn Benedikt von Nursia fünfhundert Jahre nach Christus seine Ordensregel in dieser jüdischen Tradition sieht und mit den Worten beginnt: „Höre, mein Sohn, auf die Lehren des Meisters und neige das Ohr deines Herzens; nimm die Mahnungen des gütigen Vaters willig an und erfülle sie durch die Tat.“ (RB Prolog)

Was könnte das konkret für die innere Erneuerung unseres Bistums heißen? Der erste Schritt wird doch der sein müssen: wir selbst machen uns auf den Weg. Ein erster Schritt ist vielleicht für viele die Suche nach einem Ort der Stille, einem Ort, wo wir selbst dem Geheimnis Gottes näherkommen können.

Wir werden uns auf den Weg machen, um Orte der Stille zu suchen. Es wird um Raum und Zeit gehen, um zu schweigen, um zu lauschen, um den Stimmen der Natur zu lauschen, dem Wind, dem Säuseln, den Fröschen in den Teichen und den Vögeln in den Bäumen. Und dem eigenen Herzschlag.

Es wird uns darum gehen, das Beten wieder neu zu lernen, uns von dem wiederkehrenden Glanz des Wunders durchstrahlen zu lassen, staunen zu können über die Lichtquellen, die jenseits der Lichtquellen der Vernunft liegen.

Wir werden Orte und Räume schaffen, in denen wir dies einüben können: Schulen des Glaubens und des Gebetes, Orte und Zeiten, die Menschen helfen, in der Beziehung mit Christus zu wachsen. Er geht darum, das Geheimnis zu entdecken, das Gott ist.

So wie Alfred Delp, der in der Zeit der nationalsozialistischen Unterdrückung und eines brutalen Krieges, der für die ganze Welt wie eine Zeitenwende war, gesagt hatte: „Brot ist wichtig, die Freiheit ist wichtiger, am wichtigsten ist die ungebrochene Treue und die unverratene Anbetung.“

Solche Räume der Einübung sind auch Orte des gemeinsamen Hörens des Wortes Gottes. Wir wollen alles dafür tun, damit die Menschen Erfahrungen mit der Bibel machen können, mit jenen großen Texten, die über Jahrhunderte Menschen getragen und getröstet haben. Die Lectio Divina, das Leben aus dem Wort der Schrift, darauf wird es ankommen.

Welches Wort sagt Gott mir heute zu? Was ist Gottes Losung für meinen Tag? Wie gehe ich mit Gott durch meinen Tag zu den Menschen? Und wie bin ich gemeinsam mit anderen unterwegs?

Lassen Sie mich zum zweiten Punkt kommen, zur benediktinischen Erneuerung unseres Bistums. Der heilige Godehard war Mönch, er war Benediktiner. Unsere Gegend im östlichen Niedersachsen, der Raum zwischen Hannoversch Münden und Nordsee, zwischen Weser und Elbe ist zutiefst durch die Regel des heiligen Benedikt und ihre kulturelle Außenwirkung geprägt.

Auch den Pionieren der Benediktiner und Zisterzienser verdanken wir in diesem Teil Niedersachsens wesentlich unsere Kultur und unsere Prägung.  Deshalb freut es mich sehr, dass heute die Vertreterinnen und Vertreter der niedersächsischen Landesregierung und Kommunen anwesend sind, sowie der katholischen Bistümer, der evangelischen Landeskirchen, der anderen christlichen Kirchen und der jüdischen und muslimischen Gemeinden.

Denn wir alle haben uns in dieser Region unter andrem auch dem benediktinischen Pioniergeist zu verdanken. Die Alphabetisierung der Menschen, die Gründung traditionsreicher Schulen und großer Bildungseinrichtungen,  das kulturelle Gedächtnis der großen Bibliotheken, die Erforschung von Pflanzen und Heilkräutern, die Entwicklung der Pharmazie, die Reduzierung der Säuglingssterblichkeit durch eine Verbesserung der Hygiene, die Bekämpfung der Armut durch eine professionellere Bestellung der Felder und durch die Veredlung von Getreidesorten, die Architektur großer Bauten, die Entwicklung der geistlichen Musik und der Gregorianik, der Blick jenseits regionaler und nationaler Grenzen, der internationale Geist, all das und noch einiges mehr, ist ohne die Mönche und Nonnen und ihre Kulturleistung nicht zu denken.

Das Leben der Mönche und Nonnen hatte eine nachhaltige Bedeutung für die Menschen, ganz zu schweigen von ihrer großartigen Gastfreundschaft, die in jedem Gast Jesus Christus selbst sieht, ohne den Gast nach Taufbekenntnis, sozialem Stand oder Herkunft zu fragen.

Willkommen ist jede und jeder. Bei aller Festigkeit ihrer Gebäude verstanden sich die Ordensleute dennoch als Pilgerinnen und Pilger, unterwegs zu Gott. Sie waren dabei nicht allein unterwegs, sondern immer auch auf der Suche nach Bündnispartnern.

Für unsere Erneuerung im Bistum Hildesheim könnte das konkret heißen: Wo sind wir bei den Menschen? Wo engagieren wir uns für die Gesellschaft? Wie begleiten wir die Menschen auf ihrem Weg durch das Leben? Wie finden wir im Dienst an den Menschen Bündnispartnerinnen und -partner in den anderen Kirchen und Religionen, in der Politik und in der Wirtschaft, die uns unterstützen in unserer gemeinsamen Verantwortung für die Menschen, für diese Erde und die gesamte Schöpfung?

Was ist unser Beitrag zum Zusammenhalt in der Gesellschaft, ja, was ist unser Beitrag zum Frieden in der Welt? Im Vordergrund steht dabei nicht das Fremdeln mit dem sogenannten Zeitgeist, sondern die Suche nach dem Geist Gottes in der Zeit.

Der dritte Schwerpunkt liegt auf der menschlichen Erneuerung unseres Bistums.

Godehard war ein Mensch. Als Mensch war er eine Führungspersönlichkeit, tief geprägt durch den Geist des Evangeliums, mit einem besonderen Blick für jene Menschen, die in Not sind, denen es nicht so gut geht.

Das soll auch unser Blick sein. Das soll unser caritatives und diakonisches Herz stärker schlagen lassen. Wie können wir noch solidarischer für jene Menschen sein, die es alles andere als leicht im Leben haben?  Dabei war Godehard ein Mensch mit großartigem Humor, mit einem Sinn für das Schöne und das Feine des Lebens.

Godehard vertiefte sich nicht nur in Verwaltungsarbeit und Gebet, sondern entspannte sich auch bei Horaz-Gedichten und Cicero-Briefen. Ist es nicht großartig, dass er sich auf einer Reise die Liebesgedichte des Horaz nachsenden ließ?

So wollen wir uns in unserem Bistum auch durch den Humor Godehards inspirieren lassen, um uns bei manch schweren Herausforderungen dieser Zeit auch eine gewisse Leichtigkeit des Seins zu bewahren. 

Godehard besaß die seltene Gabe, wissenschaftliche Bildung und politisches Organisationstalent mit innerer Harmonie und Frömmigkeit zu verbinden. Das Größte an Godehard war sein Herz. Er hatte ein Herz für die Menschen. Godehard war ein echter Seelsorger.

In seinem Leben ließ sich Godehard leiten durch jesuanische, benediktinische und menschliche Wegmarken. In diesem Sinne wollen auch wir uns im Godehardjahr prägen lassen durch das Wort der Bibel: Lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens und verkündet das Reich Gottes.

Amen.

PR




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