Das Neue Testament von 50 Händen – Kirchengemeinde Coppengrave präsentiert ein Gemeinschaftsprojekt

COPPENGRAVE. Es ist eine echte Gemeinschaftsleistung: In zweieinhalb Jahren haben über 50 Menschen aus Coppengrave und Umgebung das Neue Testament der Lutherbibel abgeschrieben – 270 Kapitel, 900 Seiten, über 140.000 Wörter. Die handgeschriebenen Seiten füllen zwei dicke Bücher. Am vergangenen Sonntag wurden die Bände in der St.-Franziskus-Kirche in Coppengrave präsentiert.

Ihren Anfang nahm die Aktion im Dezember 2016. Zum Lutherjahr wollte der Kirchenvorstand der Kirchengemeinde Coppengrave ein besonderes Projekt starten. „Die erste Idee war, die gesamte Bibel abzuschreiben“, erinnert sich Jürgen Woscholski, der die Aktion über die gesamten zweieinhalb Jahre koordiniert hat. Doch mit über 1000 Kapiteln sei das eine Nummer zu groß gewesen. „Wir sind es dann etwas realistischer angegangen und haben uns auf das Neue Testament beschränkt.“

Durch das Abschreiben der Bibeltexte sollten die Gemeindemitglieder die Möglichkeit bekommen, sich in die Zeit um 1521 zu versetzen. Damals hatte Martin Luther auf der Wartburg das Neue Testament in nur wenigen Wochen ins Deutsche übersetzt. Die Coppengravener brauchten für ihre Handschrift dann doch etwas länger. Nach sechs Monaten waren erst 60 Kapitel fertig. Darum startete Woscholski mit dem Kirchenvorstand eine Art Werbekampagne für das Projekt. „Wir haben zum Beispiel gemeinsam Papier geschöpft, um auf die Aktion aufmerksam zu machen.“ Auf dem handgeschöpften Papier wurde dann das Schreiben mit echten Federkielen geübt, ganz wie zu Luthers Zeiten. Auch die Presse berichtete von dem Projekt.

Der Plan ging auf: Im Laufe der Zeit meldeten sich über 50 Menschen, die eines oder mehrere Kapitel aus der Bibel abschreiben wollten. Auch außerhalb der Kirchengemeinde hätten sich viele für das Projekt interessiert und mitgeschrieben, berichtet Jürgen Woscholski. Im Sommer 2018 war das Werk schließlich vollständig.

Der fleißigste Schreiber des Projektes war dabei Gemeindemitglied Hermann Kohrs. Er allein schrieb über 60 Kapitel ab und füllte so etwa 250 Seiten. „Es hat mir so einen Spaß gemacht. Ich habe jeden Regentag genutzt und ein paar Bögen beschrieben“, erzählt er. Auch Gudrun Bosman hat durch das Projekt ihre Freude am Abschreiben entdeckt. Sie widmete sich zwei Kapiteln des Johannes Evangeliums. „Man setzt sich ganz anders mit dem Text auseinander. Wenn man einmal angefangen hat, kann man gar nicht mehr aufhören“, schildert sie. Gudrun Bosman will auch privat mit dem Abschreiben weitermachen.

Natürlich hat auch Pastor Dr. Cornelius Meisiek Kapitel beigesteuert. Und auch bei ihm habe das Schreiben etwas ausgelöst, berichtet er: „Ich habe mich während des Schreibens öfter gefragt: Seit wann kenne ich dieses Bibelwort eigentlich, und was fällt mir vielleicht Neues dazu ein?“ Außerdem verinnerliche man die Worte durch das Abschreiben viel mehr als beim einfachen Lesen.
Auch Superintendentin Katharina Henking lobt das Projekt: „Ich freue mich über diese wunderbare und kreative Initiative.“

Damit die handgeschriebenen Bibeltexte auch möglichst viele Menschen erreichen, will Jürgen Woscholski die gescannten Seiten bald auf der Webseite der Kirchengemeinde online stellen. Besonders beeindruckend bleibt aber natürlich das Originalexemplar, das nun in der St.-Franziskus-Kirche aufbewahrt wird. Buchbindermeisterin Monika Bertram hat die Seiten in zwei dicke Bände gebunden. In den kommenden Wochen sollen die Bücher auch in den anderen Kirchen der Gemeinde gezeigt werden.

Julia Dittrich
Fotos: Julia Dittrich

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