„Unbelehrbar idealistisch“

HILDESHEIM. Ulf Zastrow ist seit Anfang Oktober neuer Pastor der Christusgemeinde auf dem Moritzberg. Der promovierte Theologe tritt die Nachfolge von Gerd Meyer-Lochmann an, der im Frühjahr in den Südkreis gewechselt ist. Zastrow übernimmt die Gemeinde in einer Zeit, in der Abstandsregeln und das Gesangsverbot in Gottesdiensten eine besondere Herausforderung für die Gemeindemitglieder bringen. Doch er trifft auch auf eine aktive Gemeinde, die mit kreativen Ideen die Hürden meistert.

So hat der Kirchenvorstand bereits Vorbereitungen für die Christvesper getroffen, die in diesem Jahr auf dem Parkplatz am Phoenix-Gelände gefeiert werden soll. „Die Menschen sollen sehen: Wir sind Gemeinschaft“, zeigt sich Zastrow von den Plänen begeistert. „Wir feiern Weihnachten mit der gesamten Gemeinde.“ Und wenn die Vorgaben so streng sind, dass selbst ein Freiluftgottesdienst nicht möglich ist? „Dann feiern wir eben einen Autogottesdienst.“

Für Ulf Zastrow ist es elementar, dass die Kirchen gerade in schwierigen Zeiten für die Menschen geöffnet bleiben: „In allen Katastrophen und Kriegen der Vergangenheit sind zumindest die Kirchen offen geblieben.“ Bei dem Thema kann er sich fast in Rage reden, trotz seiner sonst eher bedächtigen Art: „Die Religionsfreiheit steht im Grundgesetz weit oben, und dann öffnen Baumärkte, aber Kirchen bleiben geschlossen.“

Geboren wurde Ulf Zastrow 1965 in Fürstenwalde in eine christliche Familie; der Vater Ingenieur, die Mutter Krankenschwester. „Ich konnte mir nie etwas anderes vorstellen, als Pastor zu werden.“ Ein steiniger Weg lag vor ihm, denn in der DDR waren Kinder mit diesem Berufswunsch nicht gerne gesehen. Er machte keine Jugendweihe, sondern ging zur Konfirmation. Damit war ihm der Weg zum Abitur versperrt. Seine Eltern bestärkten ihn darin. „Meine Eltern haben gesagt: Wenn man alles macht, was die Obrigkeiten wollen, zahlt man am Ende einen höheren Preis.“ Also machte er eine Lehre zum Großhandelskaufmann. Mit Tricks und informellen Kontakten der Eltern konnte er anschließend neben dem Beruf an einer Volkshochschule das Abitur nachholen.

Doch die Schikanen des Staates gingen weiter. Weil er keinen Dienst an der Waffe leisten wollte, wurde er Bausoldat. In der chemischen Industrie und beim Straßenbau wurde er für die dreckigsten und härtesten Arbeiten eingesetzt. Dort war er für seine Vorgesetzten nicht einfach zu handhaben. Er informierte sich und weigerte sich regelmäßig mit Bezug auf das Arbeitsschutzgesetz, gefährliche oder gesundheitsgefährdende Arbeiten auszuführen. Alles konnte er aber nicht abwehren. Gesundheitliche Folgen spürt er bis heute.

Dann endlich: Im September 1986 konnte Zastrow sein Theologiestudium in Greifswald beginnen. 15 Studierende begannen jedes Jahr ein Studium. Die Theologie-Fakultät war ein Feigenblatt für die Außendarstellung des DDR-Regimes. „Ein Studium auf der Höhe der Zeit. Mit Unterstützung der EKD hatten wir stets moderne theologische Literatur und Gast-Professoren aus dem Westen“, berichtet Zastrow. Mitten während seines Studiums fiel die Mauer, Grenzen öffneten sich, Möglichkeiten taten sich auf.

Mit einem Ein-Jahres-Stipendium wechselte Zastrow nach Tübingen: „Welch ein Kontrastprogramm. Dort studierten 2000 Studenten evangelische Theologie. In manchen Vorlesungen saßen Hunderte Studenten.“ Anschließend kehrte er für seine Promotion nach Greifswald zurück. Seine Doktorarbeit beschäftigte sich mit dem „Selbstverständnis der Kirche in sowjetischer Besatzungszone und DDR von 1945 bis 1961“. „Alle in Tübingen haben mir davon abgeraten. Aber wer so unbelehrbar idealistisch ist wie ich, der lässt sich davon nicht stoppen“, sagt er mit etwas Ironie in der Stimme.

Viele der Protagonisten dieser Zeit waren noch in wichtigen Positionen in der Kirche. Und über manche Geschichte solle doch besser Gras wachsen, fanden in solchen Situationen manche Beteiligte. Durch umfangreiches Aktenstudium konnte er die Gruppen in der Kirche ausfindig machen, die seinerzeit die Politik der „Proexistenz der Kirche“ angetrieben hatten. Eine Umschreibung für die Anpassung an das System.

Ein letztes Mal wehte der kalte Hauch der DDR-Diktatur in das Leben von Zastrow, denn aus dieser Gruppe kam auch der Zweitprüfer für seine Doktorarbeit. Wie sich dann herausstellte, war dieser Zweitprüfer genau der Mann, der hinter der „Proexistenz“ stand. Und der jetzt alles daran setzte, Ulf Zastrow aus der Promotion herauszuprüfen und die Doktorarbeit im Orkus der Geschichte verschwinden zu lassen. Mit Glück und der Hilfe von Co-Prüfern konnte der Einser-Absolvent alle Angriffe abwehren und den Doktorgrad erwerben.

Nun ist er, nach Stationen in Greifswald, Fürstenwalde, Berlin-Heiligensee und Lemgo, Pastor am Moritzberg. „In der Ausschreibung fand ich vieles wieder von dem Willen zum Aufbruch nicht um seiner selbst Willen, sondern um die Botschaft Gottes lebendig für Menschen zu halten“,erklärt er den Wechsel nach Hildesheim. Der offizielle Einführungsgottesdienst wird am Reformationstag, 31. Oktober, um 15 Uhr in der Christuskirche gefeiert. Andreas Mayen

Andreas Mayen
Foto: Andreas Mayen

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