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„Literatur macht viel weniger einsam“ – Lyrikerin und Schriftstellerin Ulrike Almut Sandig im Interview

HILDESHEIM. Als Lyrikerin und Erzählerin experimentiert Ulrike Almut Sandig immer wieder mit Klang und Bild. Am 2. November tritt sie zur Hildesheimer Poetikvorlesung im Literaturhaus St. Jakobi auf. Was das Publikum erwartet und warum die Lyrikerin mit „Monster wie wir“ erstmals einen Roman veröffentlichte.

Waren Sie schon einmal in Hildesheim? Was verbinden Sie mit der Stadt?

Ja, ich war vor vielen Jahren zum Prosanova-Festival dort. Damals beobachtete ich eine Szene, die mich zu meiner Erzählung „Mond“ inspirierte und in meinem 2010 veröffentlichten Prosaband „Flamingos“ enthalten ist.

Was war das für eine Szene?

Ich saß mit einer Freundin an einem See und habe einen Mann und eine Frau beobachtet. Hinter ihnen lief ein Kind, das uns ganz wütend angeschaut hat. Es war irgendwie seltsam, wie ferngesteuert dieses Kind wirkte, und ich habe mich lange gefragt, warum es diesen Ausdruck im Gesicht hatte – diese Wut, die älter war als die Situation. Das habe ich in meiner Erzählung herauszufinden versucht.  

Sie treten in der St.-Jakobi-Kirche in Hildesheim auf. Haben Sie einen persönlichen Bezug zur Kirche?

Sehr viel sogar. Ich bin die Tochter eines Pfarrers und im letzten Jahr erschien mein erster Roman „Monster wie wir“, dessen Protagonistin ebenfalls Pfarrerstochter ist. Durch den Beruf meines Vaters entstehen immer wieder Querverbindungen zu meiner Arbeit, sodass ich bereits in vielen Kirchen aufgetreten bin. Das ist jedes Mal überraschend, weil man vorher nie weiß, ob der Raum noch kirchlich genutzt wird und wie die akustische Situation vor Ort ist.

Warum haben Sie nun erstmals einen Roman veröffentlicht?

Es war einfach die logische Konsequenz. Der Roman untersucht aus diversen Perspektiven, wie unterschiedliche Formen von Gewalt strukturell zusammenspielen. Ich wollte Betroffenen eine Stimme geben und eine öffentliche Diskussion anstoßen. Dafür ist die Leserschaft von Gedichten viel zu klein. Aber die Arbeitsweise unterschied sich nicht groß von der an einem Gedichtband, weil ich auch da immer einer größeren Struktur folge und die Sprache als etwas begreife, das untersucht und nicht darstellt.

Lyrik führt tatsächlich eher ein Nischendasein in Deutschland. Wie sind die Absatzzahlen im Gegensatz zum Roman?

Es gibt natürlich immer Ausreißer nach oben, wie Jan Wagners Bestseller „Regentonnenvariationen“. Aber die normalen Verkaufszahlen eines Gedichtbands liegen bei tausend bis zweitausend Stück. Es gibt aber eine sehr lebendige und vielfältige Lyrikszene und es wäre schade, wenn man den Blick nur auf Buchverkäufe lenken würde. Poesie wird im Internet publiziert oder findet im Rahmen von Performancekunst und Musik statt. Im Vergleich zur Geschichte der Poesie ist die geschriebene Form noch sehr jung.

Ich dachte eher, dass experimentelle Lyrikformen relativ modern seien.

Ja, das wird so wahrgenommen – aber eigentlich ist es genau andersherum. Poesie wurde schon musiziert und vorgetragen, bevor es den Buchdruck gab.

Auch Sie verbinden Lyrik mit Filmen, Bildern und Musik. Was erwartet das Publikum in Hildesheim?

Das Projekt heißt „Landschaft“ und ist ein Poesie-Kollektiv, an dem verschiedene Leute beteiligt sind. Ich trete gemeinsam mit Rapper und Dichter Grigory Semenchuk auf, er fliegt extra aus der Ukraine ein. Die Arbeiten von Filmkünstler Sascha Konrad werden in Form von Videos eingebunden. Zudem möchte ich auf einem Overhead-Projektor live Texte schreiben, von denen ich Teile wieder wegwische. Durch dieses Aufschreiben, Wegwischen, Neuschreiben soll das Publikum mit mir gemeinsam Denkvorgänge nachvollziehen. Für mich ist es aufregend, neue Dinge auszuprobieren. Wer eine Vorlesung von mir hören möchte, kann auf meinen YouTube-Kanal gehen, aber diese möchte ich nicht wiederholen. Das ist weder für mich noch für das Publikum interessant.

Andere machen genau das: Sie stellen sich auf die Bühne und lesen ihre Texte vor. Welcher Mehrwert ergibt sich durch die Verknüpfung mit performativen Elementen?

Im Idealfall findet der Denkprozess nicht nur auf meiner Seite, sondern zwischen mir und dem Publikum statt. Wenn wir Literatur als eine Denkform verstehen, dann ist sie ein Vorgang. Dieser Vorgang überträgt sich nicht, wenn das Denken nur auf meiner Seite stattfindet. Ich brauche also das Publikum, um weiterdenken zu können. Und umgekehrt braucht das Publikum hoffentlich mich.

Also wie ein Gespräch?

Genau, ein Gespräch, ein gemeinsames Miteinander-Denken.

Woher nehmen Sie die Inspiration für Ihre Lyrik?

Ich suche mir die Themen nicht aus, sie drängen sich auf. Um mir diese vom Leib zu halten, muss ich sie untersuchen. Es ist ein Wegschreiben, ein Abarbeiten von einer Überlast an Themen, die ich ohne Literatur und Kunst als beängstigend und dominant empfinden würde.

Was möchten Sie künftig mit Ihrer Lyrik noch erreichen?

Ich schaue nie in die Zukunft, sondern eher in die Vergangenheit. Nach der Romanveröffentlichung haben mir viele Betroffene gesagt, ich hätte ein Buch für sie geschrieben. Das sind die schönsten Komplimente für mich. Wenn eine Nähe zwischen Menschen entsteht, die sonst nicht miteinander kommunizieren, bin ich sehr dankbar. Literatur macht viel weniger einsam. Gerade ist zum Beispiel mein Roman als Theaterstück umgearbeitet worden. Plötzlich hatten meine Figuren einen menschlichen Körper. Ich konnte sie komplett wiedererkennen und gleichzeitig haben sie sich weiterentwickelt; besser als sie das teilweise im Roman konnten. Und im Theatersaal saß ein Publikum, das diese Figuren meine Sätze hat sprechen hören und geweint hat. Das sind Dinge, die ich mir für die Zukunft wünsche: Miteinander sprechen, weinen, lachen und sich weiterentwickeln. Miteinander Risiken eingehen, das treibt mich an.

Wird es denn auch weitere Romane von Ihnen geben?

Ja, derzeit recherchiere ich für einen neuen Roman. Er spielt im Drogenmilieu in der Ukraine. Im Februar wird aber erstmal mein neuer Gedichtband „Leuchtende Schafe“ veröffentlicht.

Ulrike Almut Sandig tritt gemeinsam mit Rapper Grigory Semenchuk am 2. November im Literaturhaus St. Jakobi auf. Tickets für 1 Euro gibt es bei Ameis Buchecke in der Andreaspassage und in der Goschenstraße. Die Vorlesung beginnt um 19.30 Uhr, Einlass ab 19 Uhr. Für die Veranstaltung gilt die 2G-Regel.

Seit dem Wintersemester 2018/19 richtet das Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft der Stiftung Universität die Hildesheimer Poetikvorlesung in Kooperation mit dem Literaturhaus St. Jakobi aus. Sie gibt  Einblick in die Arbeitsweise von Autoren und Autorinnen, Künstlern und Künstlerinnen, und macht die vielfältigen, sinnlichen und überraschenden Facetten des Schreibens sichtbar.

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Foto: Ulrike Sandig / Schöffling & Co.




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