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Wie Christus – Leuchtfeuer der Hoffnung sein Predigt in der Jahresabschlussmesse am 31. Dezember 2021

HILDESHEIM. Liebe Schwestern und Brüder, die Hoffnung stirbt nicht nur zuletzt, sie steht auch am Anfang. Im heutigen Evangelium wird gesagt, dass am Anfang der Zeiten – und damit an jedem neuen Anfang – zuallererst Gott steht. Und Gott ist Hoffnung. An Weihnachten haben wir die Menschwerdung Gottes gefeiert. Er hat uns seinen Sohn gesandt als leuchtendes Zeichen seiner Gnade. Christus ist wie ein Leuchtfeuer im Ozean der Zeiten. Erkennbar aus der Ferne, um den Menschen auf hoher See Orientierung zu geben, Sicherheit und einen Hafen.

Wenn wir heute in der Nachfolge Christi leben, dann stellt sich uns die Frage, wie können wir wie Christus Leuchtfeuer in dieser Welt sein? Was heißt das für unser Wirken als Menschen in Gottes Welt? Im Christentum ist die Sorge für die Schwachen der Gesellschaft zentral. Papst Franziskus spricht in seiner Predigt zum Welttag der Armen 2021 über die Hoffnung, die greifbar und praktisch sein muss. Er sagt, dass „[es] an uns [liegt], […] die Hoffnung zu organisieren, und sie täglich in den zwischenmenschlichen Beziehungen, in sozialem und politischem Engagement konkret werden zu lassen.“ Verbinden wir diesen Gedanken mit den heutigen Bibelstellen: Vom Anfang bis zum Ende leitet uns die Hoffnung. Es ist an uns, sie umzusetzen. Halten wir mit dieser Perspektive inne, um auf das letzte Jahr zurückzublicken und auf 2022 vorauszuschauen.

Die Corona-Pandemie ist nach wie vor das beherrschende Thema. Das Wort des Jahres 2021 der „Gesellschaft für deutsche Sprache“ lautet passenderweise „Wellenbrecher“. Es bezeichnet alle Maßnahmen, um die Wellen der Pandemie zu brechen. Das ist nötiger denn je: Viele Auswirkungen der Pandemie treffen uns ins Mark: Sie konfrontiert uns mit Leid, Einsamkeit, Verlust und Tod so stark wie Weniges zuvor. Wir hoffen, dass es bald besser wird. Dabei helfen uns aber weder Gleichgültigkeit noch ein gesellschaftliches Gegeneinander. Es reicht eben nicht, wenn jeder nur sich selbst der Nächste ist!

Das zeigen weitere Beispiele: Im Nachdenken über 2021 treten unweigerlich die schrecklichen Fluten des Sommers ins Bewusstsein. Noch immer blicken wir fassungslos auf die enorme Zerstörung. Die betroffenen Regionen sind zu einem komplett neuen Anfang gezwungen. Bis heute sind sie weit entfernt von einer Rückkehr zur Normalität. Deshalb brauchen sie unsere anhaltende Unterstützung. Als Christgläubige müssen wir nach der Botschaft Jesu handeln. Er trägt uns auf, einander zu lieben. Darum sind wir als ganze Gesellschaft gefragt: Wir müssen das Leid der anderen wahrnehmen und solidarisch miteinander sein. Außerdem können wir etwas tun, damit solch eine Flut tatsächlich ein Jahrhundertereignis bleibt. Denn wir kennen ihre Ursache, zumindest mittelbar: Es ist der menschengemachte Klimawandel. Ihn müssen wir stoppen, um Leid zu vermeiden und unsere Lebensgrundlagen zu bewahren. Die Schöpfungsverantwortung gehört zum Kernbestand der christlichen Lehre. Das hat Papst Franziskus 2015 in seiner Enzyklika Laudato siʼ unterstrichen. Als Christinnen und Christen sollten wir deswegen unseren Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leisten.

Verschiedene politische Entwicklungen fordern unser gesellschaftliches Wirken heraus. Wir sehen menschliches Leid aktuell besonders schmerzlich an den Außengrenzen der Europäischen Union. Dass in den Wäldern zwischen Polen und Weißrussland Migranten in der Hoffnungslosigkeit verharren müssen, ist skandalös. Sie frieren, sie hungern und sie sterben als Spielball von Machtinteressen. Vor unserer Haustür. Derart großes Leid zu sehen und nicht zu helfen, widerspricht der christlichen Botschaft und den europäischen Idealen. Anfang Dezember hat der Papst geflüchtete Menschen auf der Insel Lesbos besucht. Dabei hat er die Gleichgültigkeit gegenüber den weltweiten Migrationsbewegungen als „Schiffbruch der Zivilisation“ bezeichnet. Das ist mir im Gedächtnis geblieben. Mit christlichem Engagement müssen wir auf hoher See, in den Stürmen unserer Zeit das Leuchtfeuer der Hoffnung nähren, um in der Gesellschaft einen solchen „Schiffbruch der Zivilisation“ abzuwenden.

Auch in der Politik haben wir 2021 ein Ende und einen Anfang erlebt. Mit der Bildung einer neuen Bundesregierung sind die Karten neu gemischt. Die Ampelkoalition steht auf Anfang. Dass die Regierungsgewalt in Deutschland reibungslos und respektvoll übergeben worden ist, stimmt mich dankbar und hoffnungsfroh. Unsere Demokratie ist stark und funktioniert. Selbstverständlich ist so etwas nicht. Das haben uns im Januar die Bilder des Sturms auf das Kapitol in Washington gezeigt.

Wenn aber die Gesellschaft auseinanderdriftet, ist das sehr beunruhigend. Oft richtet sich der Protest gegen Menschen, die sich für ein gutes Zusammenleben einsetzen. Bei Demonstrationen werden Polizei und Rettungskräfte angegriffen. Politisch Engagierte auf allen Ebenen werden bedroht. Journalistinnen und Journalisten werden bedrängt, wenn sie über Missstände berichten und die Dinge beim Namen nennen. Wir dürfen angesichts dessen aber nicht resignieren. Angela Merkel hat beim Großen Zapfenstreich zu ihrer Verabschiedung in Richtung der neuen Bundesregierung gesagt: „Ich bin überzeugt, dass wir die Zukunft auch weiterhin gut gestalten können, wenn wir uns nicht mit Missmut, mit Missgunst, mit Pessimismus, sondern […] mit Fröhlichkeit im Herzen an die Arbeit machen.“ Für die Probleme dieser Welt wird es nicht einfach einen Zapfenstreich geben. Aber es wäre falsch, zu verzweifeln oder uns einzuigeln. Besser, wir gehen entschlossen und hoffnungsvoll voran.

Denn mit Christus ist das Licht der Hoffnung zu uns gekommen. Es ist an uns, dieses Licht in die Welt zu tragen. Gott ist mit uns, selbst bei Herausforderungen wie der Corona-Pandemie, Rissen in der Gesellschaft, der Zerstörung durch die Flutkatastrophe oder dem Leid von Geflüchteten. Darum brauchen wir, liebe Schwestern und Brüder, die Hoffnung nicht zu verlieren. Das kann eine Losung für das neue Jahr sein: So finster die Welt um uns herum auch erscheint, dürfen wir doch hoffen auf Christus als Leuchtfeuer für unsere Gesellschaft. Christus wärmt uns, er strahlt, er gibt Orientierung, damit wir sicher durch die Fluten dieser Zeit kommen. Nicht schiffbrüchig, sondern gerettet.

Lesung: 1 Joh 2, 18-21 (Einheitsübersetzung)

18 Meine Kinder, die letzte Stunde ist da. Ihr habt gehört, dass der Antichrist kommt, und jetzt sind viele Antichriste aufgetreten. Daran erkennen wir, dass die letzte Stunde da ist.
19 Sie sind aus unserer Mitte gekommen, aber sie haben nicht zu uns gehört; denn wenn sie zu uns gehörten, wären sie bei uns geblieben. Es sollte aber offenbar werden, dass sie alle nicht zu uns gehören.
20 Ihr habt die Salbung von dem, der heilig ist, und ihr alle wisst es.
21 Ich schreibe euch nicht, weil ihr die Wahrheit nicht kennt, sondern weil ihr sie kennt und weil keine Lüge von der Wahrheit stammt.

Evangelium: Joh 1, 1-18 (Einheitsübersetzung)

1 Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.
2 Dieses war im Anfang bei Gott.
3 Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist.
4 In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen.
5 Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.
6 Ein Mensch trat auf, von Gott gesandt; sein Name war Johannes.
7 Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen.
8 Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht.
9 Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.
10 Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht.
11 Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.
12 Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben,
13 die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.
14 Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.
15 Johannes legt Zeugnis für ihn ab und ruft: Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war.
16 Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade.
17 Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus.
18 Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.

PR