Samstag, 6. Dezember 2025

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Krankenhäuser stehen vor der Zerreißprobe

Fachkräftemangel, ausufernde Bürokratie und unzureichende Finanzierung belasten Kliniken massiv –
Lage spitzt sich aufgrund von Inflation und Pandemie bedrohlich zu – Krankenhäuser fordern in
gemeinsamer Aktion akute Hilfe von der Politik

Das Krankenhausbett, das auf einem Transparent abgebildet zwischen zwei Lastwagen hängt, ist bis
zum Zerreißen gespannt. Mit dieser symbolischen Aktion haben die Krankenhäuser in der Region
Hildesheim und Südniedersachsen heute auf dem Hildesheimer Marktplatz auf die angespannte Lage
innerhalb der Kliniken aufmerksam gemacht. Impulsgeber für die Veranstaltung ist die
Niedersächsische Krankenhausgesellschaft (NKG), die mit ihrer landesweiten Sommertour unter dem
Motto „Die Krankenhäuser stehen vor einer Zerreißprobe“ von Ende August bis Anfang September in
insgesamt sieben Städten Halt macht.

„Die Situation der Krankenhäuser ist so angespannt wie nie zuvor“, stellt Stefan Fischer,
Geschäftsführer des St. Bernward Krankenhauses in seiner Funktion als Geschäftsführer der NKG-
Bezirksarbeitsgemeinschaft Hildesheim, fest. „Akut führen vor allem die massiv gesteigerten Kosten
für Energie, medizinische Produkte, Medikamente sowie Lebensmittel bei vielen Krankenhäusern zu
einer wirtschaftlichen Schieflage bzw. verstärken diese noch.“ Für den Elisabeth Vinzenz Verbund, zu
dem neben zwölf weiteren Kliniken auch das St. Bernward Krankenhaus gehört, rechnet Fischer für
das Jahr 2022 mit Mehrkosten von etwa 10 Millionen Euro – und das nur im Bereich Energie.
„Diese zusätzlichen Belastungen werden derzeit durch keinerlei Refinanzierung aufgefangen“,
ergänzt Jens Betker, Krankenhausdirektor im Ameos Klinikum Hildesheim und stellvertretender
Geschäftsführer der NKG-Bezirksarbeitsgemeinschaft Hildesheim. Aufgrund des starren
Finanzierungssystems könnten die Mehrkosten auch nicht in Form von Preiserhöhungen
weitergegeben werden. Die Bezirksarbeitsgemeinschaft Hildesheim der NKG appelliere daher an die
politischen Vertreter, das Thema in den Landes- und Bundesparlamenten auf die Agenda zu setzen
und sich für eine Entlastung der Krankenhäuser zu engagieren.

Parallel dazu haben die Kliniken nach wie vor mit gravierenden personellen und wirtschaftlichen
Belastungen infolge der Corona-Pandemie zu kämpfen. Seit dem ersatzlosen Auslaufen des Corona-
Rettungsschirms im Juni werden die finanziellen Einbußen jedoch nicht mehr abgefedert. „Seit zweieinhalb Jahren versorgen wir in den Krankenhäusern die schlimmsten Auswirkungen der
Pandemie. Die Mitarbeitenden arbeiten seit langer Zeit am Limit. Gleichzeitig sind die Kosten in
einigen Bereichen um ein Vielfaches gestiegen. Eine solche Belastung geht an keiner Klinik, egal in
welcher Trägerschaft, spurlos vorbei“, betont Sascha Kucera, Klinikgeschäftsführer am Helios
Klinikum Hildesheim.

Fachkräftemangel, überbordende Bürokratie sowie eine ungenügende Investitions- und
reformbedürftige Betriebskostenfinanzierung belasten die Kliniken bereits seit Jahren, ohne dass
eine Verbesserung absehbar ist. Im Gegenteil: Die wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser im Land
verschlechtert sich zunehmend. Umfragen der NKG zufolge sind inzwischen mehr als drei Viertel der
niedersächsischen Krankenhäuser mittel- bis langfristig in ihrer Existenz bedroht. In den Vorjahren
traf dies auf rund zwei Drittel der Krankenhäuser zu. Der NKG zufolge ist damit die aktuelle Situation
für viele Krankenhäuser existenzgefährdend. Wie die stationäre Versorgung unter den
gegenwärtigen Bedingungen künftig flächendeckend und in der gewohnt hohen Qualität
gewährleistet werden kann, ist fraglich. Nicht zuletzt angesichts einer erneut drohenden
Pandemiewelle im Herbst- und Winter ist kurzfristig ein Inflationsausgleich zur wirtschaftlichen
Absicherung der Krankenhäuser erforderlich.

Über akute Hilfsmaßnahmen hinaus muss mittelfristig das System der Krankenhausfinanzierung
durch den Bund reformiert werden. Dieses setzt Fehlanreize und hat den Krankenhäusern im
bisherigen Verlauf der Pandemie Defizite beschert, die nicht mehr kompensiert werden können.
Angesichts eines Investitionsstaus von 2,5 Mrd. Euro für Krankenhausbauprojekte in Niedersachsen
ist darüber hinaus eine dauerhafte Erhöhung der Investitionsmittel durch das Land erforderlich.
Wichtige Investitionen etwa für Digitalisierung und Klimaschutz können die Krankenhäuser nicht aus
eigener Kraft aufbringen.

Entscheidend für die Krankenhäuser sind zudem politische Weichenstellungen für eine bessere
Personalausstattung. Die Pandemie hat gezeigt, dass mit Blick auf die Versorgungssicherheit das
Personal der limitierende Faktor ist. Die Beschäftigten in den Krankenhäusern sind im dritten Jahr der
Pandemie mit ihren Kräften am Ende. Wiederholte Phasen extremer Belastung haben angesichts
dünner Personaldecken deutliche Spuren bei den Mitarbeitenden hinterlassen. Aufgrund der Corona-
Sommerwelle und den damit einhergehenden Personalausfällen zeichnet sich auch jetzt keine
Atempause für die Beschäftigten ab. Mit Blick auf den Herbst ist das besorgniserregend. Nach Ansicht
der Krankenhäuser ist es deshalb erforderlich, das Klinikpersonal schnellstmöglich von den umfangreichen bürokratischen Dokumentationspflichten zu entbinden. Die gewonnene Zeit könnte
unmittelbar für die Patientenversorgung genutzt werden. Die Krankenhäuser erhielten zudem mehr
Spielraum in der Personalplanung, wenn Pflegepersonaluntergrenzen erneut ausgesetzt würden.
Besonders bitter ist aus Sicht der Krankenhäuser, dass das politische Versprechen mit der Einführung
von Pflegebudgets für eine vollständige Finanzierung und damit bessere Arbeitsbedingungen der
Pflegenden zu sorgen, bislang nur unzureichend eingelöst wurde. In der Folge bleiben die
Krankenhäuser auf den Kosten für zusätzlich eingestellte Pflegekräfte sitzen. Aufgrund derzeit
geplanter Haushaltskürzungen auf Bundesebene besteht sogar die Gefahr, dass für weitere
Berufsgruppen in der Pflege die Refinanzierung entfällt.

„Die Pflege kranker Menschen kann eine zutiefst befriedigende, sinn- und wertstiftende Arbeit sein,
wenn sie nicht durch ökonomische und bürokratische Zwänge reduziert und abqualifiziert wird. Die
hier vorherrschende Negativentwicklung wird gerade auch von jungen Menschen genau verfolgt, die
jetzt und künftig vor ihrer Berufswahl stehen. Das zeigt sich bereits in einem deutlichen Rückgang der
Bewerberzahlen für die Krankenpflegeausbildung. Es muss also nicht nur dringend gegengesteuert
werden, um die heutige Situation der Gesundheitseinrichtungen und ihrer Mitarbeitenden zu
verbessern, sondern um – gerade auch in der Pflege – die Zukunft der Gesundheitsberufe und damit
der Patientenversorgung zu sichern“ betont Birgit Töben, Krankenhausdirektorin des Johanniter-
Krankenhauses Gronau.

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