100. Niedersachsentag in Hildesheim – Niedersächsischer Heimatbund überreicht den Jahresbericht zur Heimatpflege

HILDESHEIM. Auf der Festversammlung des diesjährigen, 100. Niedersachsentages in Hildesheim übergab der Präsident des Niedersächsischen Heimatbundes Prof. Dr. Hansjörg Küster am 18. Mai dem Niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil die ROTE MAPPE 2019 des NHB. Schwerpunkte und Themen der ROTEN MAPPE sind u.a. die Anregung, im Rahmen des „Masterplan Digitalisierung Niedersachsen“ der Landesregierung ein „Portal zur Landeskunde“ zu schaffen, die Alleen in Niedersachsen besser zu schützen sowie beim Ausbau der ländlichen Wegenetze die Wegraine als wichtige Zonen zum Erhalt der Artenvielfalt einzubeziehen.

Weitere wichtige Themen sind dem Heimatbund im Bereich der Denkmalpflege die Bewahrung von Ehrenmalen und Grabkennzeichen für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft vor dem Verfall sowie die Rettung vom Verfall bedrohter bedeutender Bahnhofsgebäude wie in Nordstemmen oder Oldenburg. Ein Dauerthema des NHB ist leider noch immer die ungenügende Förderung der Regionalkunde im Schulunterricht, auch wenn die Regional- und Minderheitensprachen Niederdeutsch und Saterfriesisch in den letzten Jahren einen höheren Stellenwert im Unterricht erhalten haben.
Die ROTE MAPPE ist der alljährliche Jahresbericht zur Heimatpflege, in dem sich der Niedersächsische Heimatbund NHB mit Anregungen, Lob und Kritik zu grundsätzlichen Problemen und Einzelfällen aus allen Teilbereichen der Heimatpflege an die Landesregierung, aber auch an die kommunalen Gebietskörperschaften wendet. Die nunmehr 60. ROTE MAPPE umfasst auf 34 Seiten einen allgemeinen Beitrag zur Vielschichtigkeit von Heimatvorstellungen, die ständig Kompromisse zwischen den Menschen mit ihren unterschiedlichen Vorstellungen erfordern. Der Heimatbund stellt sich daher mit seiner weltoffenen Haltung gerade im Jahr der Europawahlen an die Seite der Republikanerinnen und Republikaner in der Völkerfamilie und hat sich sehr gern und früh der Initiative Niedersachsen für Europa angeschlossen.

In die aktuelle Debatte um die Digitalisierung schaltet sich der NHB mit einem umfassenden Beitrag zur Landes- und Regionalkunde in der virtuellen Welt ein. Es folgen zu größeren und kleineren Themen sieben Beiträge zum Natur- und Umweltschutz, vier zur Kulturlandschaft, sechs zur Denkmalpflege und einer zur Bodendenkmalpflege, außerdem zwei zur Regionalgeschichte und -kultur in ländlichen Räumen und im schulischen Unterricht sowie zwei zu Niederdeutsch und Saterfriesisch.

Die Landesregierung hat sich im Vorfeld des Niedersachsentages intensiv mit den angesprochenen Fällen befasst und in der WEISSEN MAPPE zu den Kritiken, Anregungen, Fragen und Forderungen, aber auch den lobenden Worten des NHB Stellung bezogen. Ministerpräsident Weil überreichte die WEISSE MAPPE dem Präsidenten des Niedersächsischen Heimatbundes, Professor Hansjörg Küster.

Der NHB macht vor allem auf die folgenden Beiträge zu den diesjährigen Schwerpunkten aufmerksam, die NHB-Präsident Hansjörg Küster in seiner Rede zur Übergabe der ROTEN MAPPE besonders berücksichtigte. Küster betonte zunächst, „jedes Jahr trifft sich der Niedersächsische Heimatbund, um Menschen zueinander zu führen, die sich ehrenamtlich für die Heimat einsetzen. Sie sind Experten in Sachen Heimatpflege, ein wahrer Think Tank. Viel von ihrem Wissen floss auch in diesem Jahr in die Rote Mappe ein, über die es zu einem fruchtbaren Dialog mit der Landesregierung gekommen ist.“

Im Umgang mit der Natur sieht der NHB immer wieder die Herausforderung, sich „für das zentrale Anliegen Naturschutz einzusetzen, dabei aber den Kompromiss mit Landnutzern zu suchen, vor allem mit den für den Forst Verantwortlichen und mit den Landwirten“, wie Küster betonte (Grundsatzartikel 201/19). Wie der notwendige Dialog gelingen könnte, sucht der NHB in seinen Projekten zum Schutz der Alleen (252/19) und zur ländlichen Wegestruktur (202/19) zu ermitteln und hofft auf Unterstützung des Landes. Aber auch der Moorschutz steht gerade nach dem verheerenden Moorbrand im Emsland im Fokus des NHB (204/19 und 205/19). Auch vor einer weiteren Belastung der Innerste durch Salzeinleitungen in die Innerste, die ohnehin schon durch den jahrhundertealten Harzbergbau mit Schwermetallen belastet ist, warnt der Heimatbund (207/19).

In Sachen Denkmalpflege nimmt der NHB erneut das Thema des würdevollen Erhalts der Gräber und Denkmale der NS-Opfer auf (301/19), für die sich der NHB mit der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten, dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und dem Landesamt für Denkmalpflege einsetzt. „Wir machen auf ein Problem aufmerksam, das uns alle beschämen muss: Viele Grabstätten und Denkmäler, die an Opfer des NS-Regimes erinnern, sind in einem beklagenswerten Zustand“ so NHB- Präsident Küster, und warnt, „wir dürfen keineswegs zulassen, dass durch natürliche Verwitterung das Andenken an diese Menschen gelöscht zu werden droht“ (301/18). Der NHB begrüßt in diesem Zusammenhang ausdrücklich, dass sich Niedersachsen mit den anderen Bundesländern auf ein Verfahren geeinigt hat, das endlich auch den Erhalt der so sträflich vernachlässigten Gräber der verfolgten Sinti und Roma regelt (302/19).

In der Denkmalpflege verweist Küster auf den beklagenswerten Zustand der Bahnhöfe Nordstemmen und Oldenburg, bedeutende verkehrsgeschichtliche Denkmale, die von der Deutschen Bahn als einem staatlichen Unternehmen sträflich dem Verfall preisgegeben werden: „Wer unsere Arbeit seit Jahren verfolgt, weiß, dass wir diese beiden Sorgenkinder der Denkmalpflege keineswegs zum ersten Mal in einer Roten Mappe erwähnen“ (303/19.

Sorgen bereitet dem NHB auch der zunehmende Flächenverbrauch im Lande durch den verbreiteten Bau z.B. von großen Logistikzentren in Autobahnnähe, dem allzu oft wertvolle Natur- und Kulturflächen, aber auch Bodendenkmale zum Opfer fallen. So ist ein „Sorgenkind“ der Bodendenkmalpflege der markante Grabhügel Fachenfelde-Süd in der Gemeinde Stelle im Landkreis Harburg (351/19). Er ragt dort seit Jahrtausenden auf und ist nun einem sogenannten Logistiklager eines Lebensmitteldiscounters im Wege. Solche riesigen Lagerhäuser werden derzeit in großen Massen am Rand von Großstädten gebaut, und kleinteilige Elemente der seit Langem gewachsenen Landschaft werden dafür platt gemacht. Küster: „Muss das sein, so fragen wir uns? Und was ist wichtiger: ein Lagerhaus, von dem uns alle Erfahrung sagt, dass man es in einigen Jahrzehnten, vielleicht sogar schon in wenigen Jahren nicht mehr brauchen wird und ersetzen muss, verdrängt einen Identifikationspunkt der Landschaft, der dort schon seit sehr langer Zeit Orientierung schafft und der in einigen Jahrhunderten noch gebraucht werden wird!“

Beim Dauerthema des NHB, die Förderung der Regionalkunde im Schulunterricht (401/19), vermeldet der Präsident des NHB Positives: „Mit unserer Bitte, ihr mehr Gewicht beizumessen, sind wir beim Kultusminister auf offene Ohren gestoßen, wofür wir sehr dankbar sind. Aber es hängt noch immer sehr stark vom einzelnen Lehrer ab, ob er regionale Aspekte berücksichtigt oder nicht. Die Lehrer müssen während ihrer Ausbildung lernen, wie sie an Informationen über das nähere Umfeld ihrer Schulen herankommen.“ Dazu bedarf es geeigneter Lehrmaterialien, für die sich der NHB aktiv einsetzt. Doch müssen auch die Schulen in die Lage versetzt werden, den Besuch außerschulischer Lernorte in den Regelunterricht zu integrieren: „Schüler lernen dort aber gerade besonders viel!“ so Präsident Küster.

Die Regionalkunde, das Wissen um die eigene Lebenswelt, die eigene Heimat ist aber gerade heute so wichtig, wo in der globalisierten Welt viele Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebens- und Kulturzusammenhängen gewollt oder ungewollt zueinander kommen. „Dabei müsste sich eigentlich die Erkenntnis durchsetzen, dass eine erfolgreiche Integration von Menschen, die von Nah und Fern zu uns kommen, unter anderem nur dann gelingen kann, wenn sie wissen, wohin sie in unserer modernen und für viele Menschen nicht sehr gastlich wirkenden Welt gelangt sind“ so abschließend NHB-Präsident Küster.

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