Bildung ist mehr als Lesen und Rechnen

HILDESHEIM. „Wie gerecht ist unser Bildungssystem?“ – Eine klare Antwort fand Oberlandeskirchenrätin Dr. Kerstin Gäfgen-Track als Gastrednerin beim Jahresempfang der Stiftung Familien in Not: Es gebe erhebliche Defizite. Der Zusammenhang zwischen Einkommen und Bildung sei in Deutschland noch immer sehr ausgeprägt. Kinder aus Familien, die auf Sozialleistungen angewiesen sind, erreichen viel seltener hohe Bildungsabschlüsse. Besonders betroffen seien Kinder von Alleinerziehenden oder aus Migrationsfamilien. Mehr Geld in Bildung zu investieren, und zwar von der Kita bis zur Hochschule, sei für die Zukunft des Landes unabdingbar.

Gäfgen-Track ist in der Landeskirche Hannovers zuständig für den Bereich Bildung und damit auch Ansprechpartnerin der Landesregierung für Bildungsthemen. In die Bildung der Menschen zu investieren sei ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor für Deutschland, erklärte sie bei dem Stiftungstreffen im Haus der Industrie in der Bischofsmühle. Zumal Menschen ohne Schul- und Berufsabschluss kaum eine Chance hätten auf ein ausreichendes Einkommen und gesellschaftliche Teilhabe.

Bildung umfasst dabei nach ihrer Auffassung weit mehr als Rechnen und Schreiben zu erlernen. Es gehe auch um die Vermittlung von ethischen Grundwerten, um Demokratieverständnis und eine Sprachfähigkeit, die eine Orientierung im Leben erst ermögliche. Alle Kinder und Jugendlichen müssten gleichermaßen Zugang zu Bildung haben. Und dazu gehöre nicht nur das Tablet für den Schulunterricht, dazu gehörten auch die pädagogischen Kräfte, die den Umgang damit vermitteln: „Das müssen Top-Leute sein, die top ausgebildet sind und ein Leben lang lernen.“

Ein Umbau des Bildungssystems, so Gäfgen-Track, sei notwendig, denn die Gesellschaft sei heterogener geworden. Also müsse der Unterricht diesen Unterschieden gerecht werden. Kindergarten und Schule, selbst noch Universität und Ausbildung hätten außerdem inzwischen Aufgaben bei der Erziehung zu übernehmen, die im Elternhaus zwischen Überbehütung und Vernachlässigung häufig versäumt würden. Die Oberlandeskirchenrätin erinnerte daran, dass Engagement für Bildung schon seit der Reformation wesentlich zur evangelischen Tradition gehöre.

Die Ungerechtigkeit beim Zugang zu Bildung sei auch für Hildesheim ein drängendes Thema, sagte Superintendent Mirko Peisert als Stiftungsvorstand in seinem Begrüßungswort. Vor allem in Nordstadt, Oststadt und Drispenstedt sei der Anteil von Armut betroffener Kinder alarmierend hoch – und der Zusammenhang mit dem Anteil an Gymnasialempfehlungen in den Stadtteilen spreche eine deutliche Sprache.

Sie freue sich daher, dass mit der Gründung des Runden Tisches Kinderarmut im Landkreis Hildesheim 2019 dieses Thema klar in den Fokus der Politik gerückt wurde, sagte Stifungskoordinatorin Gisela Sowa.

Familien in Not springt in akuten Notlagen mit Beratung, finanzieller und ganz praktischer Hilfe ein, beispielsweise durch Unterstützung bei der Beantragung von Leistungen, Vermittlung von entlastenden Diensten oder Zuschüsse zu Schulmaterial. Dafür greift die Stiftung auf ein umfassendes Netzwerk zurück. Finanziert wird FiN durch Spenden.

Im Jahr 2019 haben sich 60 Familien an die Stiftung um Hilfe gewandt. Die gute Arbeit der Berater*innen, betonte Fundraiser Robert Smietana, mache ihm selbst seine Aufgabe leichter. Seit Gründung von Familien in Not 2005 zuerst als Initiative, dann als Stiftung, wurden rund 500.000 Euro für Familien eingesetzt.

Mehr Informationen über die Stiftung gibt es unter www.fin-hildesheim.de. Kontakt zu Koordinatorin Gisela Sowa unter Tel. 05121/167518, zu Fundraiser Robert Smietana unter Tel. 05121/9187460.

Wiebke Barth
Fotos: Wiebke Barth

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